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Nachrichten aus Belm





(dapd - Feature) Fünf Millionen Mark Schaden in zwei Minuten - Einwohner erinnern sich an den Tornado in Belm vor zehn Jahren -- Von Malte Werner -- (mit Bild/Chronologie/Fragen und Antworten)

Belm, Fr. 05.08.11 13:06
Nachrichten von Redaktion_LocalXXL

Belm (dapd-nrd). Jürgen Kaschner hätte es sich nicht träumen lassen, dass sich einmal die Meteorologen der Wettervorhersage in der ARD für eines seiner Fotos interessieren würden. Doch dem Hobbyfotografen gelangt vor zehn Jahren die spektakuläre Aufnahme eines eher seltenen Wetterphänomens. Am 6. August 2001 suchte ein Tornado die kleine Ortschaft Belm bei Osnabrück heim und richtete Millionenschäden an - Kaschner griff im richtigen Moment zur Kamera. Der heute 47-Jährige stand an diesem schwül-warmen Abend in seinem Garten und wartete auf den lang ersehnten Regen. Er erinnert sich an dunkle, merkwürdig tief hängende Wolken am Himmel und war sich damals sicher, «da zieht sich was zusammen». Gegen 21.00 Uhr beobachtete er, dass sich aus den Wolken ein Rüssel in Richtung Boden schlängelte. Auch wenn im Volksmund bei vergleichbaren Ereignissen meist von einer Windhose die Rede ist, Meteorologen sprechen von einem Tornado. Zwtl.: Vom Dachfenster perfekte Sicht auf das Naturschauspiel Er rannte in die Küche, schnappte sich den Fotoapparat und hielt den Sturm auf Film fest. Die große Zeit von Digitalkameras und Fotohandys war damals noch nicht angebrochen, sonst wäre er wohl nur einer von vielen gewesen. Kaschner schoss die einzigen Aufnahmen von dem Tornado. Aus dem Dachfenster des Hauses hatte er den Stadtkern von Belm und damit die Bühne für das Wetterschauspiel genau im Blick. Während Kaschner etwas ungläubig auf den Auslöser seiner Kamera drückte, herrschte bei der Freiwilligen Feuerwehr im Ort kurzfristig Chaos. In der Wache saßen die Feuerwehrleute gerade bei einer Sitzung zusammen, als das Wetterphänomen über den kleinen Ort hereinbrach. Der Wind fegte direkt am Gebäude vorbei und riss einen Teil der Dachabdeckung in den Himmel. Gemeindebrandmeister Aloys Wilker erinnert sich: «Das war ein Getöse, wie ich es noch nicht gehört habe.» Es habe geklungen, als sei ein Güterzug direkt am Fenster vorbei gerattert. Die verdutzten Retter sahen, wie vor der Wache ein stattlicher Baum samt Wurzel und Erdreich einfach durch die Luft geschleudert wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Wirbelsturm bereits große Schäden an der nahen Grundschule angerichtet und zog weiter in Richtung Ortskern. Hobbyfotograf Kaschner beobachtete staunend die Szenerie von seinem Dachfenster am Ortsrand. Er sah Dachteile durch die Luft fliegen und Äste. Als er bemerkte, dass sich der Tornado auf ihn zu bewegte, bekam er Panik. Er entschied sich für «Rollläden runter und vom Dachfenster weg». Einsatzleiter Wilker steht an einem sonnigen Julitag auf einem Parkplatz im Ortskern und lässt die Geschehnisse von damals Revue passieren. Er berichtet von einer Schneise der Verwüstung, die der Wirbelsturm in nur zwei Minuten hinterlassen hat und zeigt auf einen Drogeriemarkt mit großen Schaufenstern. «Das sah aus wie ein Handgranatenwurfstand», sagt er und lacht, immer noch ein bisschen ungläubig. «Da stand nichts mehr aufeinander.» Heute ist dort wie im ganzen Ort nichts mehr von den damaligen Zerstörungen zu sehen. Zwtl.: Das Aufräumen dauerte zwei Tage Damals war den Einsatzkräften nicht zum Lachen zumute. Unweit der Stelle, an der der 58-Jährige nun zehn Jahre später steht, lag damals ein komplettes Flachdach aus Teer auf der Straße. Der Sturm hatte es abgehoben wie ein Stück Pappe. Hinzu kamen abgedeckte Dächer, geborstene Glasscheiben, umgestürzte Bäume und zertrümmerte Autos. Nach dem kurzen Schock in der Wache lief der Einsatz an. In der Nacht und an den beiden darauf folgenden Tagen waren mehr als 250 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk aus Belm und den Nachbargemeinden im Einsatz, um die Schäden zu beheben, die später mit 2,5 Millionen Euro (damals fünf Millionen Mark) beziffert wurden. Der mit 41 Jahren Einsatzerfahrung gestandene Feuerwehrmann Wilker sagt rückblickend: «Das war schon eine Hausnummer.» Vergleichbar höchstens mit dem Hochwasser im vergangenen Jahr. Während des Einsatzes wunderte ihn am meisten, dass keine Meldungen über Verletzte oder gar Tote einliefen. Am Ende zählten die Retter zwei Leichtverletzte. «Wenn das zur normalen Tageszeit passiert wäre - nicht auszudenken», sagt er. In kürzester Zeit war der Tornado einmal quer durch fast den gesamten Ort gefegt. Meteorologen schätzen, dass er dabei Windgeschwindigkeiten zwischen 70 und 250 Stundenkilometern erreichte. Noch bevor er das Haus des Fotografen Kaschner traf, war der Wirbelsturm wieder in sich zusammengefallen. Aber da waren die Bilder ja schon im Kasten. Bildhinweis: 290711MAW199, 280711BRE417 dapd/wem/wsd /1
Quelle: dapd